Israeli Ori Mizrahi spielte nach dem Rathaus-Termin gemeinsam mit Freunden Shesh Besh, eine Variante von Backgammon. Foto: Bastian Haumann

WAZ. Nicht die Zechen-Historie. Auch nicht die Lage an der Ruhr. Und auch nicht die Privatuniversität ist es, über die Bürgermeisterin Sonja Leidemann als erstes spricht, wenn sie vor jungen, ausländischen Gästen für die Sonnenseiten von Witten werben möchte. Es ist die Stadtbepflanzung.

„What do you think about our trees?“, was sie von den Bäumen in der Stadt hielten, wollte Leidemann von 15 Jugendlichen aus Wittens Partnerregion Lev Hasharon wissen, die am Montag zum traditionellen Jugendaustausch vom „Freundeskreis der Israelfahrer“ im Rathaus empfangen wurden.

Tatsächlich ist es auch das Grüne, das bei Shany Michaelys Anreise in der Ruhrstadt besonderen Eindruck hinterlassen hat: „Ich konnte meine Augen nicht von der Landschaft nehmen, sie ist wunderschön“, sagt die 18-Jährige kurz nach dem Empfang in Sitzungszimmer 1, das mit Geschenken aus allen Partnerstädten geschmückt ist. Dort gab es kurz zuvor großen Applaus für Michaelys Worte. „Euer Blick auf unser Land ist uns wichtig“, sagte sie, gerichtet an die Bürgermeisterin und die Anwesenden vom israelischen Freundeskreis. „Denn viele Leute haben einfach eine falsche Meinung von Israel.“

Schließlich spiegele die Politik von Premierminister Benjamin Netanjahu längst nicht wider, wie viele Leute in Israel denken. Da ist zum Beispiel das jüngst verabschiedete Nationalstaatsgesetz, das Israel „als „Nationalstaat des jüdischen Volkes“ definiert und Hebräisch als alleinige Nationalsprache erklärt. „Ich hasse dieses Gesetz!“, sagt Michaely. In ihrem Bekanntenkreis kenne sie niemanden, der anders denke. „Vielleicht lebe ich in einer Blase, aber ich bin sicher: Die Bevölkerung will das nicht.“

Die aktuellen Massenproteste auf den israelischen Straßen geben ihr Recht. Und ihre Freunde. „We can be more than just a jewish country“, Israel könne mehr sein als nur ein jüdisches Land, sagt die 17-jährige Shuy Arzi. „Wir wollen uns mit der Welt verbinden, alles mit der Welt teilen. Das ist das Wichtigste für meine Generation.“

Mit dem Programm des „Freundeskreis der Israelfahrer“ tun sie genau dies. 2017 reisten 15 Jugendliche aus Witten nach Lev Hasharon, nun sind die israelischen Gastgeber in Witten zu Gast. In diesem Zwei-Jahres-Rhythmus findet der Austausch seit 1973 statt. Und nicht selten entstehen daraus „great friendships“, große Freundschaften, wie es Daniel Segal formuliert.

Der 17-Jährige ist nicht zum ersten Mal in Witten. Schon im Dezember 2017 besuchte er seinen Kumpel Mattis, der wenige Monate zuvor bei ihm untergebracht war. Seine Lieblingsorte in Witten: Die Shisha-Bars. „Da haben mich die Araber und Türken mit ,Shabbat Shalom’ begrüßt.“ Das gleiche harmonische Zusammensein wünscht er sich für Israel. „Gleichheit ist das Allerwichtigste!“

WAZ-Bericht von Gordon Wüllner

 

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