"Wir suchen und pflegen Kontakte zu Menschen in Wittens Partnerstädten"

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Peter Liedtke im Interview
Peter Liedtke im Interview

WAZ-Bericht von Annette Kreikenbohm. Zehn Jahre Freundschaftsverein Tczew-Witten: Das ist keine allzu lange Zeit, wenn es einem darum geht, die Verständigung zwischen Deutschen und Polen zu fördern. Und doch ist sie lang genug, um einiges an diesem oftmals belasteten Verhältnis zu ändern.

Ein Gespräch mit Peter Liedtke, 1. Vorsitzender, und Reinhold Spratte, Bildungsbeauftragter des Vereins, über Vertreibung und Aussöhnung, Demokratie und polnisches Bier.

Freundschaftsverein – das klingt erstmal nach geselligem Beisammensein und Städtetouren. Was will der Verein wirklich?

Liedtke: Reisen, Sport und Freizeitgestaltung – das gehört natürlich dazu. Es geht uns ja darum, die Kontakte zur polnischen Partnerstadt Wittens zu pflegen und weiterzuentwickeln. Vor allem aber müssen wir mit den Polen in ein anderes Verhältnis kommen. In den 80ern wurden ja sogar noch Hilfstransporte gemacht. Damit ist es aber heute vorbei.

Was muss sich ändern?

Liedtke: Oft steht das persönliche Schicksal im Mittelpunkt. Wenn etwa der Vater von Heckenschützen erschosen wurde, dann ist das natürlich eine schlimme Sache. Aber es dann zu schaffen, das ohne erhobenen Zeigefinger darzustellen, das wäre gut.

Warum thematisieren Sie so etwas überhaupt? Das alles, sagen viele, sei doch längst vorbei.

Liedtke: Das zu glauben, ist falsch. Die Opfer leben noch, auch wenn sie über 70 sind. Und es ist nicht vorbei, solange wir es nicht geschafft haben, das in uns psychologisch abgearbeitet zu haben und an unsere Kinder nicht mehr die Muster weiterzugeben, die dahin geführt haben.

Spratte: Beispiel Neonazis – da ist die Frage, ob ich sage, das geht mich nichts an oder ob ich bereit bin, etwas dagegen zu tun.

Liedtke: Die seelische Beschädigung, die die Deutschen mit sich rumtragen, hat Einfluss darauf, inwieweit wir als demokratische Person auftreten können.

Die Schuldfrage sollte also nicht mehr gestellt werden?

Liedtke: All die Diskussionen, etwa um ein Zentrum gegen Vertreibung, das ist nicht gut, das ist rückwärtsgewandt. Es geht nicht um Schuld, sondern um die Frage der Verantwortung, auch wenn die Deutschen in der Regel die Täter waren.

Spratte: Der gedankliche Dreh bei vielen Betroffenen ist: Weil ich was Schlimmes erlebt habe, muss ich auch was zurückbekommen. Das machen wir aber nicht mit. Es ist klar, dass die Vertriebenen was zu verarbeiten haben, aber da geht es vor allem um Aussöhnungsfähigkeit.

Wie kann das aussehen?

Liedtke: Wir hatten zum Beispiel schon zweimal Zwangsarbeiter eingeladen. Die haben vor hunderten von Wittener Schülern gesprochen. Nicht als Ankläger, sondern als Aufklärer, damit die Schüler neue Erkenntnisse gewinnen. Das ist übrigens keine intellektuelle Sache, sondern muss die Emotionen berühren. Fakten lernen reicht nicht.

Spratte: Bei Literaturveranstaltungen behandeln wir auch Texte, die sich dem Thema stellen. Wir wollen darüber die Polen besser verstehen.

Am besten lernt man die Bewohner eines Landes kennen, wenn man dorthin fährt. Deshalb organisieren Sie auch Reisen nach Polen.

Liedtke: Genau. Polnisches Bier kann ich auch hier kaufen. Aber vom partnerschaftlichen Austausch können beide Seiten lernen – auch wir von den Polen. Natürlich ist dort nicht alles Gold. Aber zum Beispiel arbeiten in polnischen Kindergärten Leute mit Lehrer-Qualifikation.

Wir sind heute Bürger in Europa und müssen auf gleicher Augenhöhe unsere Lebensbedingungen gestalten. Die Polen haben eine andere Sprache und leben irgendwie ein bisschen anders. Und wenn ich von einem Besuch zurückkomme, dann habe ich die Tiefenschärfe, meinen eigenen Stall zu Hause anders zu sehen. Das ist das Schöne an Städtepartnerschaften.

Ihre Pläne für die nächsten zehn Jahre?

Spratte: Wir haben uns jetzt gerade mal warm gelaufen. Uns ist klar, dass wir keine Massen bewegen können. Aber es geht uns um Stetigkeit. Immerhin sind wir unabhängig von Parteien und Kirchen.

Liedtke: Wir sind Bürger der Stadt Witten und arbeiten daran, dass Witten sich als weltoffene Stadt darstellen kann. Wir wollen uns auch mehr für Jugendliche öffnen. Unser bürgerschaftliches Engagement ist: gelebte Demokratie.